EURORDIS am BBMRI Stakeholder-Forum

networkNationale und regionale Biobanken spielen eine vitale Rolle in der modernen medizinischen Forschung, denn sie sind eine Goldgrube von gespeicherten menschlichen biologischen Proben und dazugehörigen Daten. Können wir durch Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg diese unschätzbaren Ressourcen besser und in größerem Rahmen nutzen? Diese Idee steht hinter dem Programm Biobanking and Biomolecular Resources Research Infrastructure (BBMRI) .

BBMRI wurde 2008 mit dem Ziel ins Leben gerufen, in Europa ein weiträumiges, koordiniertes Netzwerk von Biobanken für den gemeinsamen Zugang zu verfügbaren biologischen Proben (z.B. Gewebe, Zellen, Blut, DNA und biomolekulare Hilfsmittel) zu schaffen. Bestehende nationale Sammlungen leiden unter Fragmentierung und geringer Nutzung, da es keine gemeinsam festgelegten Standards gibt und Forscher jeweils nur begrenzt Zugang haben. Dadurch wird die Forschung über mögliche neue Behandlungsmethoden gehemmt.

Diesem Problem will BBMRI entgegenwirken, durch die Schaffung der ersten gesamteuropäischen, rechtlich gestützten Einrichtung, deren Satzung den Biobanken die wechselseitige Nutzung ermöglicht und durch deren Kooperation die Möglichkeiten europäischer Forschung verbessert werden. Bisher wurden mehr als 300 Biobanken ermittelt und rekrutiert. Zur Zeit hat BBMRI 51 Mitglieder (Universitäten, Forschungszentren, Ministerien, Forschungsräte) und mehr als 190 assoziierte Partner aus 29 europäischen Ländern.

BBMRI Stakeholders Forum 2010Die Koordination und Harmonisierung der Biobanken hat eine besondere Bedeutung vor allem bei der Erforschung der seltenen Krankheiten, für die begreiflicherweise nur kleine Mengen von Proben zugänglich sind. Deshalb hat sich EURORDIS von Anbeginn an der BBMRI-Initiative beteiligt. Als Mitglied des BBMRI-Interessenten-Forums hat EURORDIS einen zweifachen Beitrag geleistet: Die verlässliche Berücksichtigung des Interesses und der Erwartungen der Patienten mit seltenen Krankheiten an Biobanken und die Vermittlung seiner Erfahrungen als Koordinator des Netzwerks der Biobanken für seltene Krankheiten (EuroBioBank). „Das Betreiben von Biobanken für seltene Krankheiten kann zu diesem Gebiet sehr viel beitragen. So können z.B. die Telethon-Biobanken in Italien als Prototyp für die Vernetzung von Biobanken auf nationaler Ebene und EuroBioBank als ein solcher Prototyp auf europäischer Ebene herangezogen werden“, erklärt Fabrizia Bignami, Direktorin Forschungs- und Therapieentwicklung bei EURORDIS.

Die Biobanken für seltene Krankheiten haben mit BBMRI gemeinsame Ziele und sehen in BBMRI einen wichtigen Mechanismus, der den langfristigen Erhalt von Biobanken in Europa gewährleistet. Die Vorbereitungsphase von BBMRI (2008-2010) wurde im Forschungs-Rahmenprogramm 7 (FP7) der EU gefördert. Es war die Aufgabe in dieser Phase, die Grundlagen und den ethischen und rechtlichen Rahmen der zukünftigen operationalen Infrastruktur des Netzwerkes der Biobanken auszuarbeiten.

Vor Ende der Vorbereitungsphase des Projektes kamen BBMRI-Partner und Mitglieder des BBMRI-Interessenten-Forums, einschließlich EURORDIS, im Juni 2010 in Brüssel zusammen, um über die bis dahin geleistete Arbeit Bilanz zu ziehen und das weitere Vorgehen zu diskutieren.  Dieses zweite Interessenten-Forum mit dem Thema ‚Die Europäische Biobank-Forschungs-Infrastruktur: Ein Schritt weiter voran‘ (The European Biobanking Research Infrastructure: a Step Closer) brachte Patienten, Kliniker, Förderorganisationen, assoziierte Partner und Industrie zusammen. Die Forum-Meetings dienen einer umfassenden Beratung und Interaktion aller betroffenen Parteien, damit beim Aufbau des zukünftigen Europäischen Netzwerkes der Biobanken alle Vorstellungen berücksichtigt werden.

Neil Formstone von der Waliser Krebs-Biobank (Wales Cancer Bank) erläutert: „Bevor wir unsere Biobank aufbauten, baten wir eine Gruppe von Patientenvertretern zu uns, um mit ihnen über den Entwurf und den erwarteten Nutzen der Bank zu besprechen. Später formulierten die Patientenvertreter, darunter auch ich, das Patienten-Informationsblatt und die Einverständniserklärungen und unterstützten das Genehmigungsverfahren mit ihren Einsatz in den Ethik-Komitees. Im ganzen Verfahren verschafften wir dem Gesichtspunkt der Patienten Geltung, denn die Mitarbeit der Laien ist unerlässlich.”

Auf der Schluss-Sitzung des Juni-Meetings stellte Fabrizia Bignami von EURORDIS als Repräsentantin der Patienteninteressen offiziell Kurt Zatloukal als den Koordinator des BBMRI vor und machte mit einem Dokument bekannt, das die grundlegenden Prinzipien der Patientenbeteiligung an der Arbeit der Biobanken beinhaltet. Diese grundlegenden Prinzipien waren zuvor vom EURORDIS-Komitee für European Public Affairs beurteilt und gebilligt worden.

Es wird erwartet, dass dieses Konsultationsdokument mit dem Titel ‚Beteiligung der Patienten im BBMRI‘ (Patient Participation in BBMRI) Eingang in den Entwurf zukünftiger Regelungen und Prozeduren des BBMRI führt. Im Dokument sind die Prinzipien formuliert, wie die aktive Beteiligung der Patienten verwirklicht werden kann, durch Fortbildung der Patientenorganisationen und durch regelmäßige und verständliche Rückmeldung an die Patienten über die Nutzung der Banken und die Arbeiten mit den Proben. Außerdem enthält es ethische Leitlinien über für Patienten so sensible Themen wie Transparenz, Konsens, Privatizität, Vertraulichkeit, Nutzung und Widerruf. Im Dokument werden Rechte und Erwartungen der Patienten an ihren Spenden umrissen, und es enthält eine Liste von Beispielen guter Praxis bei der aktiven Beteiligung von Patienten und Patientenorganisationen an Biobanken und verwandten Aktivitäten. Weitere Beispiele guter Praxis können in das Dokument aufgenommen werden: Patientenorganisationen, die ihre spezifischen Erfahrungen mitteilen möchten, sind eingeladen, ihren Beitrag am Ende des Dokumentes anzufügen (p.13).

„Wir sind stolz, dass EuroBioBank als Beispiel guter Praxis vorgestellt wird und dass das Modell von EuroBioBank als Referenz für etwas dient, was einmal die größte Forschungs-Infrastruktur in Europa sein wird“, sagt Fabrizia Bignami. „Im nächsten Schritt muss sichergestellt werden, dass Patienten auch in der Leitungsstruktur des BBMRI arbeiten und dass sie in jeder Biobank vertreten sind – und das nicht als Alibifunktion.“

Lesen und ergänzen Sie das Kosultationsdokument Patient Participation in BBMRI
Weitere Informationen über das 2010 BBMRI Interessenten-Meeting


Autor: Paloma Tejada
Übersetzer: Ulrich Langenbeck
Fotos: © Derick Mitchell & EURORDIS

Dieser Artikel wurde zuerst in der November 2010 -Ausgabe des EURORDIS-Newsletter veröffentlicht

Page created: 22/10/2010
Page last updated: 11/01/2011