HTA ist eine hochkomplexe Methode zur Bewertung medizinischer Verfahren und Technologien. Die Gesundheitsbehörden wenden sie als Grundlage ihrer gesundheitspolitischen Entscheidungen an.Gesundheitspolitische Entscheidungen müssen noch verlässlicher werden, denn die Folgekosten falscher Entscheidungen nehmen zu. Aber auf welchem Weg kommen die Gesundheitsbehörden zu diesen wichtigen, oft das Leben der Patienten verändernden Entscheidungen? Eine Antwort ist das Health Technology Assessment (HTA).
HTA ist ein Arbeitsbereich der policy analysis und bedeutet die multi-disziplinäre Beurteilung der langfristigen Auswirkungen von schon existierenden und neu entwickelten medizinischen Verfahren und Technologien. Hierzu gehören Medikamente, medizinische Geräte und Prozeduren und in der Patientenbetreuung genutzte Organisationsformen. Auch deren mögliche medizinische, soziale, ethische und ökonomische Folgen werden im HTA beurteilt. HTA will Entscheidungen über die medizinische Versorgung unterstützen und der Gesundheitspolitik mit objektiven Informationen zuarbeiten.
Eine wichtige Rolle spielt HTA heute bei Entscheidungen über die Erstattung von Behandlungskosten.
Hierfür analysiert HTA die Kosten von Medikamenten im Vergleich zu deren Nutzen. Auch für Orphan-Medikamente können auf diese Weise Preise bestimmt und Regeln für die Kostenerstattung festgelegt werden, was vielen Vertretern von Patienten mit seltenen Krankheiten schon lange am Herzen liegt. „HTA kann den Anstoß für die Implementierung der ‚Kriterien‘ liefern, die im Sektor der seltenen Krankheiten für die Kosten-Nutzen-Analyse medizinischer Maßnahmen entwickelt wurden“, argumentiert Gerard Nguyen, ein EURORDIS-Volontär von Rett-Syndrom Europa, der an einer HTA-Trainingssitzung teilgenommen hatte. „Konzepte, die schon seit langer Zeit von EURORDIS vertreten werden, wie ‚signifikanter Nutzen‘, ‚klinischer Mehrwert‘ und ‚relative Wirksamkeit‘ von Orphan-Medikamenten, sollten in HTA-Berichten verwendet werden, damit gute gesundheitspolitische Entscheidungen getroffen werden können.”
HTA ist ein ‘evidenzbasiertes’ Verfahren. Welche Evidenzen also können Patienten liefern? Zu allen Aspekten von HTA haben sie etwas zu sagen, aber ihr wichtigster Beitrag ist die Beschreibung der nützlichen und der ungewünschten Auswirkungen medizinischer Technologie. Wie diese wichtigen Gesichtspunkte, Bedürfnisse und Prioritäten in eine Form von Evidenz überführt werden müssen, die von HTA-Institutionen verwertet werden kann, ist nicht ganz leicht zu verstehen. Es ist daher unbedingt erforderlich, dass Patienten das Verfahren des HTA beherrschen, wenn sie an seiner Definition mitwirken wollen.
„Unter Einsatz signifikanter Ressourcen hat EURORDIS bereits begonnen, bei seinen festen und freiwilligen Mitarbeitern Kenntnisse und Fähigkeiten im HTA zu vertiefen. Ziel ist eine weitere Beteiligung an HTA-Aktivitäten, um auf diesem strategischen und sich schnell entwickelndem Feld die Bedürfnisse der Patienten noch besser zu vertreten“, sagt EURORDIS’ CEO Yann Le Cam. „EURORDIS hat begriffen, welche unmittelbare Bedeutung HTA für Verfügbarkeit und Qualität von Therapien hat. Wir sind überzeugt, dass HTA schon jetzt und zunehmend mehr auch in der Zukunft zu einer Neuordnung der Gesundheitsdienste für Patienten mit seltenen Krankheiten beiträgt und beitragen wird, mit Expertenzentren, Registern, diagnostischen und therapeutischen Standards, Fortbildung der medizinischen Berufe und umfassender Information. Schlecht und unter eingeengter ökonomischer Perspektive genutzt würde HTA erhebliche Probleme für die Behandlung der Patienten schaffen. Aber HTA birgt auch das Potential, auf der Grundlage von Qualität, relativer Wirksamkeit und Kosten-Effektivität zum Angebot von Therapien beizutragen. So können in den Gesundheitsdiensten patientenzentrierte, dauerhaft qualitätsvolle Abläufe neu und nachhaltig geschaffen werden.
Tatsächlich erhielten schon im Februar fünf feste und freiwillige Mitarbeiter von EURORDIS in Hall in Tirol am Institut für Medizinische Informatik und Technologie der Universität für Gesundheits- und Lebenswissenschaften (UMIT) ein einführendes HTA-Training. HTA war auch das zentrale Thema der letzten EURORDIS Sommer-Schule im September. Mehr als 30 Patientenvertreter wurden von Wissenschaftlern, Mitarbeitern der HTA-Agentur, Industrie-Repräsentanten und medizinischen Experten mit den hauptsächlichen Arbeitsmitteln des HTA vertraut gemacht. Außerdem wurde Patientenvertretern Gelegenheit gegeben, in einer Podiumsdiskussion über ihre Erfahrungen mit HTA zu berichten.
Auch auf dem nächsten Drug Information Association HTA Conference wird die Beteiligung von Patienten und Industrie an HTA-Entscheidungen im Zentrum der Diskussionen stehen. Diese Konferenz wird in Verbindung mit der DIA-Konferenz “Future Direction of Orphan Drugs in Europe” vom 4.-5. November stattfinden und Patienten aus mehreren Ländern werden anwesend sein.
EURORDIS ist auch intensiv am EPPOSI-Projekt “Patients’ Involvement in Health Technology Assessment” beteiligt. Während eines ersten internen Meetings Ende Juni ging es darum, welche Rolle Patienten spielen können und spielen wollen. EURORDIS war als einer von 25 Experten eingeladen worden, über seine Ansichten und Erfahrungen zu sprechen. Auch am nächsten EPPOSI Workshop im November wird EURORDIS mit mehreren Repräsentanten teilnehmen. Auf diesem offenen Meeting soll ein umfassenderes Vorgehen mit HTA definiert werden, eines das über Beurteilung der Kosteneffektivität hinausgeht und ethische, soziale und andere Angelegenheiten mit einschließt.
„Soziale und ethische Erörterungen sind eher ‚weich‘ und in der führenden Definition des HTA nicht ausreichend definiert. Dies ist dehalb ein Bereich, in dem EURORDIS und andere Patientenorganisationen dazu beitragen können, dass dieser Aspekt von HTA strikter definiert wird“, stellt Rob Camp fest. Auch er hatte als Repräsentant von EURORDIS ein HTA-Training absolviert. „Die Patientenvertreter müssen wachsam sein, um einem möglichen Missbrauch des HTA mit alleiniger Berücksichtigung des ‚Preismachens‘ vorzubeugen, besonders wenn es um die medizinische Behandlung seltener Krankheiten geht“, ergänzt Gerard Nguyen. „Die Patientenorganisationen können diesen Prozess durch Aufklärungsarbeit in den HTA-Agenturen beeinflussen.“
Deshalb hatte sich EURORDIS um Beteiligung am European Network for Health Technology Assessment (EUnetHTA) beworben und nahm im Juni als einer von vier Repräsentanten der Patienten am ersten Treffen des ‚Forums der EUnetHTA-Interessengruppen‘ teil. EUnetHTA ist eine EU-Initiative, die das Ziel hat, die Arbeit der HTA-Agenturen in Europa stärker zu koordinieren und deren Beurteilungskriterien zu harmonisieren.
Lesen Sie mehr:
HTA-Anleitung der Health Equality Europe für Patienten
Internationales HTA-Glossar für Anwender und Patienten
Autor: Paloma Tejada
Übersetzer: Ulrich Langenbeck
Fotos: © EURORDIS
Dieser Artikel wurde zuerst in der November 2010 -Ausgabe des EURORDIS-Newsletter veröffentlicht.